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Helmut G. Müller - Kloster Hachborn
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Fronleichnam mit Jesus

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Herausgegeben von in Pfarrer in Wachenbuchen ·
Martin Luther meinte zwar, es wäre der schändlichste aller Feiertage, aber da hat er Unrecht. Denn für einen evangelischen Pfarrer ist Fronleichnam heute richtig erholsam. Einfach nur frei haben und nach Lust und Laune machen, was man will., morgens um 10.00 Uhr die Sonne auf dem Balkon genießen. Dann ein bisschen Radfahren: als Training für den Ironman mal kurz durch die Hölle von Hochstadt, anschließend die Himmelfahrt über den Hühnerberg und ansonsten einfach alles den Katholiken überlassen.
Abends kommt vielleicht sogar der Herr Jesus noch mal ganz leibhaftig vorbei und dann ist es ein richtig schöner Tag.
Vor ein paar Jahren stand er jedenfalls mal just zu Fronleichnam an der Tür des evangelischen Pfarrhauses und bat um eine Unterkunft. Er hat sich’s gemütlich eingerichtet im Gemeindehaus, und wir haben zu späterer Stunde noch ein wunderbares Abendmahl unter freien Sternenhimmel gefeiert, Zum Glück hatten wir noch genügend Holzkohle da, einen Grill, Steaks und Maiskolben und dazu noch ein gutes Bier. Während der Rauch zum Himmel stieg, erzählte er von seiner Wanderschaft durch Europa. Wir hingen ihm an den Lippen. Er ist ja im Laufe der letzten 2000 Jahre wirklich ziemlich viel in der Welt herumgekommen. Was er da zu erzählen hat, da vergeht eine Ewigkeit wie ein Augenblick.
Am nächsten Tag hat er mir auch noch sein Buch gezeigt. Da war dokumentiert wo er schon überall gewesen ist, oder jedenfalls, wo man ihm den Aufenthalt mit Unterschrift und Stempel bestätigt hat. Gerne und mit Stolz habe ich hinein geschrieben und gesiegelt. „Evangelische Kirchengemeinde Buchen, Fronleichnam 2006“.
Als er später noch mal vorbei kam, habe ich ihn gefragt, ob er das nicht unangenehm findet: so in einer öffentlichen Prozession als Leichnam durch die Straßen und Felder getragen zu werden. „Ach“, hat er geantwortet, „das ist jedenfalls besser als das ganze Jahr in muffigen Kirchenmauern zu liegen. Ein bisschen frische Luft tut gut und man sieht mal was anderes. So eine Prozession ist was Schönes und kann sogar ein Heidenspaß sein. Probier’s doch auch mal“. „Was“, sage ich, „ich als evangelischer Pfarrer soll eine Fronleichnam’s Prozession machen, am Ende gar noch mit Weihrauch und all dem Brimborium? Nein danke, vergiss es! Die Gemeinde hier erträgt ja schon geduldig so manche meiner Verrücktheiten, aber das bestimmt nicht. Außerdem habe schon genug Ärger mit dem Bischof, der versteht da keinen Spaß und der alte Luther dreht sich auch im Grab herum.“
Doch er hat mich nur angelächelt, dieses unwiderstehliche Jesus-Lächeln, wo du nichts mehr sagen kannst.Ein paar Tage später kam dann die Anfrage, ob wir als Kirchengemeinde wieder beim Festumzug der Kerb mitmachen und der Kirchenvorstand hat einstimmig beschlossen: Ja, das machen wir.
Allerdings waren für den Kerbumzug schon fast alle Traktoren des Dorfes verplant. Am Ende fand sich noch ein alter Deutz Bulldog, Jahrgang 55, aber der Fahrer war im Urlaub und so besann sich der Pfarrer darauf, dass er ja vom Bauernhof stammt und in seiner Jugend genügend Erfahrung mit altem Deutz gemacht hatte. Die Kirche kam auf den Anhänger. Der Herr Jesus schickte noch Großmutter Anna und Mutter Maria vorbei. Die setzten wir auf den kleinen Wagen. Von dort grüßten sie dann als Himmelsköniginnen das ganze irdische Volk. Der Deutz fuhr fast von selbst, so dass ich die Arme zum Segnen frei hatte -  für Christen und Heiden. Ja, selbst der römische Dechant stand neidvoll am Wegrand und wäre fast als Trittbrettfahrer auf den Traktor gesprungen. Aber ich trete schnell auf das Gaspedal, der alte Diesel spuckt eine schwarze Wolke Weihrauch, mit einem Satz und lautem Bobbern ruckt das Kirchlein voran. Ich schaue mich kurz um. Gott sei Dank. Anna und Maria stehen noch am Glockenturm.
Ja, ich weiß schon was der Herr Jesus dazu sagt. Vielleicht war es wirklich unhöflich, aber wenn der Dechant mich einlädt nächstes Jahr zu Fronleichnam die Heilige Messe gemeinsam mit ihm zu feiern und auch alle Protestanten am Abendmahl teilnehmen dürfen, dann überlege ich mir noch mal, ob ich ihn mitnehme.



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