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Helmut G. Müller - Kloster Hachborn
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"Wir sind Papst"

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Herausgegeben von in Pfarrer in Wachenbuchen ·
Wir sind Papst“ – während ich diese Zeilen schreibe wirft der Besuch von Benedikt dem XVI. sein Licht voraus oder auch seine Schatten, je nach Sichtweise. Noch im Gedächtnis haften geblieben ist die Schlagzeile der Bildzeitung zur Wahl von Josef Ratzinger. „Wir sind Papst“, mancher hat sich darüber geärgert, und das zu Recht, wenn man die Worte nationalistisch versteht, etwa im gleichen Sinne wie „wir Deutschen sind Weltmeister“. Sie ergeben bei hintergründigerer Lesart aber auch einen gut protestantischen Sinn.
„Wir sind Papst!“ - das lässt sich im Sinne von Martin Luther’s Wort verstehen: „Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht ist.“ So gesehen beschreibt es eine Kirche von unten. Diese hat sich gut protestantisch längst auch im katholischen Bereich fest etabliert und ist eine gute Basis für die Ökumene. Umgekehrt gehören erhebliche Bauchschmerzen über die eigenen Bischöfe der Landeskirchen schon traditionell zum evangelischen Empfinden. Sollten diese gar den Anschein erwecken, sie würden über irgendwelche höheren Eingebungen verfügen, die nicht grundsätzlich auch jedem Menschen offen stehen, so ist mit gut begründetem Protest zu rechnen. Mit dem Eckpfeiler „sola scriptura“, „allein die Schrift“, hat die Reformation die Berufung auf höhere Weihen als Erkenntnisquellen abgelehnt, die allgemeine Lesekompetenz gefördert und die Gründung von Volksschulen vorangetrieben.
Das Priestertum aller Gläubigen ist ein Wesensmerkmal evangelischen Denkens. „Darum sind alle Christenmänner Pfaffen, alle Weiber Pfaffinnen, es sei jung oder alt, Herr oder Knecht, Frau oder Magd, Gelehrter oder Laie“, schreibt Martin Luther.
Jeder Christ könnte dementsprechend taufen, trauen, beerdigen, Gottesdienst halten. Es ist allerdings in einer ausdifferenzierten Gesellschaft sinnvoll, dass nicht jeder alles macht, aber jeder mit seinem speziellen Beruf allen in guter Ordnung dient.
Die Spezialität des evangelischen Pfarrers ist dabei die Kommunikation des Evangeliums.
Mit Lust und Freude tue ich dies vor allem dort, wo Menschen danach fragen. So blicke ich zurück auf eine schöne Jubiläumskonfirmation. Der Gottesdienst ist vor Jahren entstanden, weil Menschen aus den Gemeinden danach gefragt haben und ihn mit organisierten. Gerne habe ich mich als Lobredner (lat. Praedicator) auf den Krankenpflegeverein zur Verfügung gestellt und dabei selbst einen Einblick gewonnen, wie das von der evangelischen Kirche herbeigesehnte „Wachsen gegen den Trend“ gehen kann. Ich war bei der Feuerwehr, habe das Bühnenstürmerfestival unserer Jugendtheatergruppen mit eröffnet, da waren schöne Trauungen in Wachen- und Mittelbuchen, aber auch die sehr traurige und zugleich trostvolle Beerdigung einer Märchenprinzessin.
Vielfältig geworden sind die Redesituationen. Gut geschmeckt hat es meist auch, vom opulenten Hochzeitsessen bis zum kleinen Imbiss beim „Abendmahl“. Eine Vielfalt von Mitwirkenden bezeugte dabei mit ausgezeichnetem Können auch jenseits klassischer Kirchlichkeit: „Wir sind Papst“.



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